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Marie Colinet-Fabry and the first magnet extraction 1624

        
Das Rheinland hat einen Mann hervorgebracht, der von Karl Sudhoff als "der erste wirklich große deutsche Chirurg" bezeichnet wurde: Wilhelm Fabry wurde am 25. Juni 1560 in Hilden geboren. Neben Georg Bartisch (1535-1606) genießt er unter den deutschen Wundärzten und Okulisten auch auf dem Gebiet der Augenheilkunde den größten Nachruhm.
Wilhelm Fabrys erste Augentumor Entfernung Unter seinen zahlreichen Berichten über geglückte Operationen finden sich drei am Auge, die er vornahm und auch beschrieben und abgebildet hat: die Heilung eines gespaltenen und die Lösung eines angewachsenen Lides sowie endlich die Exstirpation eines Augentumors. Diesen gefährlichen Eingriff probierte er zunächst an einem Kalbskopf aus, denn als guter Anatom kannte er die Zartheit der Knochen sowie den Gefäßreichtum der Orbita.
Nach erfolgreicher Tätigkeit im rheinischen Gebiet um Köln und Düsseldorf ließ Guilelmus Fabricius Hildanus sich 1615 als Stadtwundarzt in Bern nieder. Aus dieser Zeit stammt auch seine originellste Leistung auf augenchirurgischem Gebiet: die Ausziehung eines Eisensplitters aus der Hornhaut mit Hilfe eines Magnetsteines im Jahre 1624. Daß die Idee zu diesem Eingriff jedoch von seiner Frau, Marie Colinet aus Genf stammte, ist weitgehend unbekannt.

Fabry selbst hat bei vielen Gelegenheiten die Verdienste seiner Gattin hervorgehoben und sie auch in seinen "Observationes" gewürdigt. Die Observatio 21 der 5. Centurie trägt den Titel: "Wie ein Stückchen Stahl welches in der Hornhaut festsaß, auf sehr kunstsinnige Weise aus dem Auge entfernt wurde". Sie ist in Form eines Briefes gehalten, der an seinen Vertrauten Johannes Hagenbach in Basel gerichtet ist. Nach einer längeren Vorrede über seine Tätigkeit als Wundarzt berichtet Fabry folgendes: Einem Bauern aus St. Mie am Bieler See war ein Stahlsplitter "in jenen Teil der Hornhaut, wo die Regenbogenhaut gesehen wird", gedrungen. Am 5. März 1624 konsultierte der Patient den damals schon berühmten Arzt und entsprechend der zu seiner Zeit üblichen Behandlungsweise versuchte Fabry zunächst, mit Aderlaß, instrumentellem Eingriff und mit Arzneien den Fremdkörper zu extrahieren. Doch alles war wegen der Kleinheit des Splitters vergebens. "Da hat meine Ehefrau sich ein sehr geeignetes Mittel ausgedacht (en uxor mea remedium optissimum excogitat)". Während ich nämlich mit beiden Handen die Augenlider öffnete, näherte sie einen Magneten dem Auge...
Als wir diesen einige Male, und zwar wiederholend zurückzogen, ist das Stahlstückchen endlich aus dem Auge an den Stein gesprungen, während wir alle es sehen konnten. Er hat es also nicht verschwiegen, sondern selbst ganz eindeutig gesagt daß seine Frau die eigentliche "Erfinderin" dieser neuen Technik in der Augenheilkunde war, die die Nachwelt ihm zuschreibt.
Es dürfte interessant sein zu erfahren, was über Marie Fabry-Colinet sonst noch bekannt ist. Sie war die Tochter des Buchdruckers Colinet in Genf. Dort hat Wilhelm Fabry sie am 30. Juli 1587 geheiratet. Er selbst hat "seine Hausfrau" in seinen Schriften immer wieder gewürdigt und sie anerkennend genannt, denn als Frau eines bekannten Arztes war oft sie diejenige, die in seiner Abwesenheit helfend eingreifen mußte. Durch Assistenz in der Praxis Fabrys und durch Gespräche mit ihm erwarb sie sich solide Kenntnisse in der Heilkunde. So behandelte sie, wie wir hören, das Blasenleiden einer Schwangeren oder einen Gebärmutter-Vorfall. Sie wußte Knochenbrüche zu schienen. Einmal griff sie unter Assistenz ihres Sohnes Peter ein, als ein Patient mit einem Knochenstück in der Speiseröhre Fabry konsultierte. Auch als Geburtshelferin war sie erfolgreich tätig. Bis zum Jahre 1623 soll sie 30 - vorwiegend tote Kinder - mit manueller Hilfe zur Welt gebracht haben. Die Hebammen wurden in dieser Zeit meist sehr spät und in dann fast immer aussichtslosen Fällen zugezogen; daher die hohe Zahl der Toten. Sie machte weiter von sich reden, als sie im Mai 1623 bei einer Geburt erstmals wegen der Enge der Geburtswege einen stumpfen Haken gebrauchte.
Aber nicht nur auf dem Gebiet der Heilkunst ergänzte sich das Ehepaar Fabry vortrefflich; beide waren tief religiös, und ebenso wie Fabry betätigte sich auch Marie schriftstellerisch, sowohl auf medizinischem wie religiösem Gebiet. Das literarische Werk Marie Fabrys besteht aber keineswegs nur in ärztlicher oder geistlicher Lebenshilfe in Traktatform.
Eugène Olivier hat dies Gebiet ihres Schaffens erschlossen, und er berichtet zum Beispiel über ein etwa 1622 erschienenes Buch von Marie Fabry-Colinet, das den Titel hat: "Petit recueil de la Sainte Escriture", von dem jedoch bisher kein Exemplar gefunden werden konnte. Ein weiteres Werk hingegen ist erhalten: "Alphabet nouveau et chrestien pour les jeunes apprentifs, qui d'oresenauant commenceront d'aller en l'escole du S. Esprit" (Neues und christliches Alphabet für junge Schüler, die von Stund an beginnen wollen, in die Schule des Heiligen Geistes zu gehen). Das 824 Seiten starke Werk erschien 1638 in Genf.
Im ersten Teil der Schrift finden wir eine kurze Darstellung der biblischen Geschichte, es folgen Meditationen und Gebete für Kranke und deren Familien. Der interessanteste Teil des Buches sind die 180 Seiten, in denen die Verfasserin die jüdischen Sitten mit denen ihrer eigenen Zeitgenossen vergleicht. Mit diesen geht sie außerordentlich streng ins Gericht - so wie es ihrer religiösen Einstellung entsprach. Es finden sich auch Anklagen gegen Aberglauben, Hexenwahn und Wahrsagerei und immer wieder die Aufforderung, den Geboten Gottes zu folgen.
Dank dieser Selbstzeugnisse und anderer Hinweise - so zum Beispiel die Grabrede auf die Mutter Wilhelm Fabrys von Pfarrer Johannes Klee Sleidan im Jahre 1612, deren Vorrede Marie Colinet gewidmet ist - läßt sich ein recht gutes Bild dieser nicht unbedeutenden Frau nachzeichnen. Ausgehend von ihrem Einfall der Magnetextraktion wurde diese Technik im 18. und 19. Jahrhundert mit Permanentmagneten und dem von Julius Hirschberg eingeführten Elektromagneten weitergeführt, und heute sind Hand- und Riesenmagneten selbstverständliches Requisit in jedem Operationssaal. Mit Tatkraft setzte sich Marie Colinet für die Arbeit ihres Mannes ein, an der sie aktiven Anteil nahm - und mit selbstverständlicher Bescheidenheit trat sie hinter ihn zurück. Sein Ruhm ist bis heute erhalten. Auf den Marie Colinet gebührenden Anteil hinzuweisen, war das Bestreben dieser Würdigung.


Summary. Starting from the first use of a magnet as instrument in ophthalmo-surgery, this essay on Marie Fabry Colinet tries to throw some light on a personage not too well known as an individual, but only as wife of a famous man: Wilhelm Fabry (1560-1634). The extraction of a foreign body from the eye with a magnet is probably her most important contribution to progress in ophthalmology. During the 18. and 19. century this technique was developed step by step: permanent magnets came into use, and J. Hirschberg introduced the electromagnet. Today hand magnets and giant magnets belong to the usual equipment of a theatre for ophthalmic surgery. So it seems justified to call to mind the genius of Marie Fabry, who suggested - in 1624 - the use of a magnet in ophthalmosurgery.


Résumé. En prenant comme point de départ le premier emploi d´un aimant comme aide chirurgicale, cet exposé jette quelques lumiéres sur une personnalité peu connue aujourd´hui: Marie Fabry Colinet, femme de Wilhelm Fabry. L´extraction par aimant, en 1624, est bien le chapitre de sa vie le plus important pour nous. Cette technique fut continuée aux 18. et 19. siécles avec des aimants permanents et l´electro-aimant, introduit par J. Hirschberg. Aujourd´hui les aimants manuels et les aimants géants sont bien entendu des instruments appartenant à toute salle d´opération.




Quelle: "Rheinische Splitter und Augenblicke" (Herausgegeben von Frau Prof. Marielene Putscher, Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln, Köln 1976)

Last modified: Jul 09, 2006       Imprint