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Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling (1740-1817)



         [Gedenktafel] Selig sind, die das Heimweh haben, denn sie sollen nach Hause kommen.
Dieses als neunte Seligpreisung in den Sprachschatz der Kirche eingegangene Wort ist noch heute auf den Balken eines schmucken Fachwerkhauses in der Marburger Hofstadt zu lesen. Geprägt wurde es von Jung-Stilling, einem der ungewöhnlichen Männer seiner unruhigen Zeit. Er zählte zu den Führern der deutschen Erweckungsbewegung, konnte Goethe und Herder seine Freunde nennen und war bekannt mit den beiden Brüdern Jacobi, mit J.G. Hasenkamp und mit Lavater. Er war Theologe, praktizierender Arzt anerkannter Staroperateur und ein Wohltäter der unterdrückten und armen Bevölkerungsschicht. Seine religiösen Schriften - besonders seine Selbstbiographie - brachten ihm Weltruhm ein, Kaiser und Könige vertrauten ihm die Erziehung ihrer Kinder an. Später wirkte er als Ordinarius der Staatswirtschaftslehre und Kameralwissenschaft an der Universität Marburg. [Jung-Stilling] Johann Heinrich Jung, wegen seiner Zugehörigkeit zu den "Stillen im Lande", den Pietisten, Jung-Stilling genannt, wurde am 12. September 1740 in Grund bei Siegen geboren. Die Vorfahren, Bauern, Kohlenbrenner und Bergleute, stammten aus dem Bergischen Land. Sein Vater Wilhelm arbeitete als Schneidermeister, gelegentlich auch als Dorfschullehrer. Seine Mutter Dorothea war Tochter eines verarmten reformierten Pfarrers. Von ihr hatte Jung-Stilling eine lebhafte Phantasie, einen aufgeweckten Geist und eine große Empfindsamkeit geerbt.
Hauptlektüre des heranwachsenden Knaben waren die Schriften Luthers, Calvins und Bucers, aber auch Bücher wie "Die schöne Melusine" und Zieglers "Asiatische Banise". Durch die ihm in umfangreichem Maße angebotene Literatur reifte er geistig so heran, daß er schon mit zehn Jahren als ungewöhnlich klug in der ganzen Gegend bekannt war. Mit fünfzehn Jahren wurde er Dorfschulmeister, jedoch bereitete ihm das Lehren und Erziehen "ewige Langeweile". In seiner Selbstbiographie bekennt er, daß er keine Schuldisziplin habe halten können. Aus dem Schuldienst entlassen, wurde er Schneidergeselle. Aber diese rein handwerkliche Arbeit konnte seinen wachen Geist auch nicht befriedigen. In den folgenden Jahren verdiente er seinen Lebensunterhalt teils als Schneidergeselle, teils als Schulmeister. Der 12. April 1762 wurde dann für Jung-Stilling "der frohe Zeitpunkt seiner Erlösung": Er erfuhr "das Erlebnis der Wiedergeburt". Nachdrücklich betont er, daß er sich dem Willen Gottes völlig unterworfen habe unter Preisgabe des eigenen Willens. [Haus in Marburg] Dieses Datum ist der Schlüssel für sein weiteres Leben. Von nun an wollte er "ganz für die Ehre Gottes und das Wohl seiner Mitmenschen leben und sterben". Zunächst trat er in den Dienst des Stahlfabrikanten J. R. Flender in Krehwinklerbrück bei Elberfeld und fand in ihm einen langjährigen Gönner. Neben seiner Tätigkeit als Hauslehrer und Gehilfe in dem Eisenhammerwerk blieb ihm aber Zeit genug, Griechisch, Französisch, Hebräisch und Englisch zu lernen. Eifrig studierte er die Schriften der Philosophen Leibniz und Woltt, daneben Klopstocks "Messias" und Miltons "Verlorenes Paradies". Endlich regte Flender ihn an, das Medizinstudium aufzunehmen.
Sogleich begann Jung-Stilling mit medizinischen Vorstudien. Großen Einfluß übte der katholische Pastor und Augenarzt Molitar aus Attendorn auf ihn aus, ein Freund seiner Eltern, der ihn auch mit seinen Heilmethoden und Arzneien bekanntmachte. Bei seinem Tode hinterließ er ihm seine Aufzeichnungen und Medikamente, worauf Jung-Stilling, neben seiner Arbeit bei Flender, nun selber Augenkuren durchzuführen begann. Das Studium der Medizin nahm er 1770 in Straßburg auf. Hier lernte er Goethe und Herder kennen und freundete sich mit ihnen an. Neben seiner medizinischen Ausbildung widmete er sich allgemeinbildenden Studien und Vorlesungen über forstwirtschaftliche, wirtschafts- und finanzwissenschaftliche Probleme. Dies fand seinen Ausdruck in einer Abhandlung "Über die forstwirtschaftliche Nutzung der Gemeindeverwaltung im Fürstentum Nassau-Siegen".
1772 schloß er seine Studien in Straßburg ab und erwarb den medizinischen Doktorgrad. Noch im gleichen Jahr ließ er sich als Arzt in Elberfeld nieder. Hier war seine Praxis zwar ausgedehnt, doch brachte sie ihm nur wenig ein. Er selber war in Elberfeld "als Mann, der kein Vermögen hat" in den wohlhabenden Kreisen wenig geachtet. Umgekehrt war er den pietistischen Freunden zu weltoffen und unkonventionell, so daß auch sie sich von ihm zurückzogen. Seit 1774, nachdem er an einer starblinden Frau auf heftiges Drängen seiner Freunde und der Patientin selbst die erste Augenoperation mit gutem Erfolg ausgeführt hatte, wandte er sich der operativen Augenheilkunde zu, doch obwohl er als Staroperateur über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt wurde, besserte sich seine finanzielle Lage nicht. Vielfach waren seine Patienten arm und konnten nur wenig oder nichts bezahlen.
Ein anderer Eingriff (1775) mißlang. Goethe berichtet in "Dichtung und Wahrheit" über die Operation des Frankfurters Heinrich Ludwig Lersner: "Nach mehreren ärztlichen Vorbereitungen ward nun endlich der Star auf beiden Augen gestochen; wir waren höchst gespannt;... Allein es ließ sich bemerken, daß Jung nicht heiter war...; wie er denn auch auf weiteres Nachforschen bekannte, daß er wegen Ausgang der Kur in Sorgen sei . . . Jung bekannte, daß es diesmal so leicht und glücklich nicht hergegangen sei: die Linse sei nicht herausgesprungen, er habe sie holen, und zwar, weil sie angewachsen, ablösen müssen; dies sei nun nicht ohne Gewalt geschehen. Nun machte er sich Vorwürfe, daß er auch das andere Auge operiert habe... Genug, die zweite Linse kam nicht von selbst, sie mußte auch mit Unstatten abgelöst und herausgeholt werden.
Nach dieser mißglückten Operation ging Jung-Stilling mit sich selbst ins Gericht. Er bezweifelte seine ärztliche Fähigkeit, besonders als in den nächsten Jahren seine Praxis mehr und mehr zurückging und schließlich zum Erliegen kam. Vor dem völligen Ruin rettete ihn eine Berufung als Professor der Ökonomie und Kameralwissenschaften an die Akademie in Kaiserslautern.
Die noch junge Kameralwissenschaft - eine staatliche Verwaltungslehre - suchte auch Mediziner an sich zu ziehen. Jung-Stilling gab seine ärztliche Tätigkeit auf, allerdings führte er bis ins hohe Alter Staroperationen aus: bis an sein Lebensende waren es an die zweitausend. 1784 ging er als Professor nach Heidelberg. In den folgenden Jahren erschienen zahlreiche Publikationen, darunter seine noch heute berühmte Selbstbiographie. Seine Bücher verschafften ihm großes Ansehen im In- und Ausland und trugen 1787 mit zu seiner Berufung an die Universität Marburg bei. Endlich wurde er 1804 als Vortragender Rat nach Karlsruhe gerufen, wo er nach 13 Jahren am 2. April 1817 starb.
Jung-Stillings Bedeutung tür die Augenheilkunde, besonders seine Stellung in der Debatte um die Extraktionsmethode, geht aus zwei seiner medizinischen Veröffentlichungen hervor: 1775 erschien die Schrift "Günstige Erfolge mit dem Daviel'schen Verfahren der Cataract-Extraction". Die gängige Methode der Katarakt-Operation war bis Mitte des 18. Jahrhunderts die Depressio per scleram.
J. Daviel (1696-1762) aus Marseille kam auf die geniale Idee, die getrübte Linse aus dem Auge zu entfernen. Die für damalige Verhältnisse noch äußerst komplizierte Operation bestand aus acht Teilschritten, für die insgesamt nicht weniger als sieben Instrumente notwendig waren. [Cataract Extraction nach Jung-Stilling] Daviel legte einen 2/3-Hornhautschnitt nach unten an. Die Hornhautlappen schob er nach oben und holte nun, nachdem er die Linsenkapsel durch eine Nadel eröffnet hatte, den Kristallkörper heraus. Da die Davielsche Extraktionsmethode wegen noch fehlender Lokalanästhesie und mangelhafter Wundversorgung sehr unvollkommen war, entbrannte eine heftige Auseindndersetzung zwischen den Anhängern der Extraktions- und denen der Verlegungsmethode. [Cataract Extraction] Daviel selbst und auch der Franzose Wenzel und der Göttinger G. Richter arbeiteten unentwegt an der Vervollkommnung der Davielschen Methode.
Jung-Stilling griff in die Auseinandersetzung durch seine Schrift ein. Er weist die Schwächen der operatio cataractae per depressionem nach, äußert seine Verwunderung darüber, daß so viele angesehene Staroperateure seiner Zeit diese Methode noch anwenden, und zeigt eine eigene modifizierte Form der Davielschen Methode auf: Er legte einen halbkreisförmigen Schnitt in dem unteren Teil der Hornhaut an; geriet dabei der Schnitt zu klein, wurde er mit der Schere erweitert. Die Kapsel eröffnete er mit der Starnadel. Nun drückte er von oben und unten sachte auf das Auge, bis die Linse heraustrat. An Instrumenten benutzte er eine leicht umgewandelte Form des Lobsteinschen Starmessers, die Starnadel, den Davielschen Löffel, gerade und gebogene Pinzetten. Bei der Operation, die er grundsätzlich nur morgens durchführte, stand er vor dem sitzenden Patienten. Ein Gehilfe hielt das obere Augenlid, das untere hielt er selbst. Um einen Irisvorfall zu vermeiden, verband er nach der Operation beide Augen. Als Verband legte er feuchte Leinwand auf und wechselte diese dreimal täglich. Bei Ödem und Rötung der Augenlider wurden Mehlsäckchen aufgelegt die die Feuchtigkeit aufsaugen sollten. Um eine Entzündung zu vermeiden, wurde wenige Stunden nach der Operation ein Aderlaß gemacht. Am neunten Tag war die Heilbehandlung in der Regel abgeschlossen.
Die ophthalmologische Geschichtsschreibung stellte inzwischen fest, daß die Jung-Stillingsche Abwandlung der Davielschen Methode mit der halbkreisförmigen Schnittführung im unteren Teil der Hornhaut für die Entfernung großer Cataractae unzureichend war. Anerkennend hebt sie aber die Präzision und die soliden Kenntnisse Jung-Stillings hervor. Es ist wohl seiner Gewissenhaftigkeit zu verdanken, daß er einer der ersten Augenoperateure war, der genaue statistische Angaben über seine Eingriffe machte: Er gibt in seiner Abhandlung "Methode den grauen Staar auszuziehen und zu heilen" (Marburg 1791) an, von 237 Staroperationen der ersten 16 Jahre seiner Tätigkeit sei jede siebente mißlungen, eine Zahl die für die damaligen Verhältnisse nicht zu hoch ist. Der Schlußsatz seines Werkes lautet: "Genaue Kenntnis der Natur, gesunde Vernunft und Erfahrung, leiten uns auf unserem Wege weit sicherer, als ein Schwall von Vorschriften und eine medizinische Rüstkammer mit etlich tausend Präparaten."


Summary. Johann Henrich Jung-Stilling was as well known oculist and especially famous beyond Germany for his cataract operations. He took an active hand in the propagation of Daviel's method of this operation. But more and more he devoted himself to religious writing and became a famous author all over the world. His autobiography "Henrich Stilling's Youth. A true Story", 1777 published by Goethe, is of permanent literary value. - Stilling was engaged in many fields of science. 1778 we find him as professor for economics and the science of finances at Kaiserslautern, 1784 at Heidelberg. 1787 he went to the university of Marburg. Here he changed back to his former profession as oculist and religious-minded man. He gave advice and help to the many patients coming from far away to see him.


Résumé. Johann Henrich Jung Stilling fut un oculiste connu, célèbre en particulier comme opérateur de la cataracte hors des frontières de l'Allemagne. Il eut une part déterminante à la propagation de la méthode d'extraction de Daviel. Mais, étant donné qu'il se consacra de plus en plus à la profession d'homme de lettres religieux, son activité en tant que médecin passa à l'arrière-plan. Ses nombreuses publications le rendirent mondialement célèbre. Son autobiographie "La jeunesse de Henrich Stilling. Une histoire vraie", publiée en 1777 par Goethe, est d'une valeur durable dans l'histoire de la littérature. Il s'occupa aussi intensivement du domaine des finances. En 1778, il était professeur pour économie et finances à Kaiserslautern, et en 1784 à Heidelberg. En 1787 il fut appelé à l'université de Marburg. Ici, se tâche en tant qu'opérateur de la cataracte et directeur de conscience eut la priorité sur son travail scientifique. Il accordait son aide comme médecin et directeur de conscience aux patients venus de loin. C'est à Marburg qu'il écrivit le grand oeuvre "Le mal du pays" (1794-96). Aujourd'hui, on peut encore lire la devise de cette oeuvre sur la poutre de sa maison à cloisonnage de Marburg: "Heureux ceux qui ont la nostalgie de leur pays, car ils doivent rentrer chez eux." Aujourd'hui, cette maison est toujours appelée "Maison du mal du pays".


Quelle: "Rheinische Splitter und Augenblicke" (Herausgegeben von Frau Prof. Marielene Putscher, Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln, Köln 1976)

Weitere Informationen und Anmerkungen von Dr. Erich Mertens:
Molitor, Johann Baptist war kein Augenarzt, aber laut Herrn Valentin Schell obwohl nicht studiert, doch augenärztlich tätig.
1773 nicht 1774 operierte Jung Stilling auf Drängen seiner Freunde eine Patientin.
Das gezeigte Bild aus Marburg ist inhaltlich sachlich falsch, da Jung-Stilling erst viel später in dieses Haus gezogen ist.

Anmerkung von Andreas Saßmannshausen: Die Aussage "Die Vorfahren, Bauern, Kohlenbrenner und Bergleute, stammten aus dem Bergischen Land" ist falsch, die Vorfahren von Jung-Stilling kommen aus dem Siegerland, Jung-Stilling selbst wurde im Dorf Grund im Kirchspiel Hilchenbach geboren. Ursprünglich ist die Familie aus dem benachbarten Dorf Obersetzen (vor 1902 KSp Netphen) zugereist. Für die in Jung-Stillings Lebensgeschichte genannte Verbindung in die Schweiz gibt es keinen Beleg.

Anmerkung von Ortwin Brückel: Nach meinen Forschungen war Jung-Stillings Großvater mütterlicherseits kein reformierter Pfarrer, sondern Dorfschullehrer in Littfeld, der sonntags höchstens die Predigt des zuständigen Krombacher Pfarrers in der Kapellenschule in Littfeld für die fußkranken alten Leute vorlesen durfte.

Weitere Informationen und Anmerkung von Prof. Dr. Gerhard Merk: Statt: "Stahlfabrikanten J. R. Flender in Krehwinklerbrück bei Elberfeld" wäre zu berichtigen: "Fabrikanten und Fernhandelskaufmann P. J. Flender in Kräwinklerbrücke (heute Stadtteil von Remscheid).
Letzte Änderung: 17.09.07       Impressum