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Augenbildnis

Augenbildnisse

         Zusammenfassung in französischer Sprache

"L'Objet" nannte René Magritte sein 1932 entstandenes Werk mit dem Untertitel "L'Oeil ". Es ist ein 25 x 25 cm großes Ölbild auf Holz, und es wurde nach dem Auge seiner Frau gemalt.
Doch schon lange bevor uns ein Surrealist das Auge aus dem Rahmen des Gesichtes herausgelöst, einzeln, als Gegenstand komprimierter Ausdruckskraft und Faszination vorstellte, haben andere Künstler Augen porträtiert.
Der Gedanke, ein einzelnes Auge als "Bildnis" zu malen, stammt aus dem England des späteren 18. Jahrhunderts. Der Maler Richard Cosway scheint der erste gewesen zu sein, der auf den Gedanken kam, und der erste Auftrag kam von Mrs. Fitzherbert: ihr rechtes Auge als ein Geschenk für den Kronprinzen zu malen. Als Gegengabe ließ daraufhin auch der Prinz sein Auge malen und die Miniatur an einem Ring befestigen, den die schöne Frau am Finger tragen sollte.
Die Idee gewann schnell Beachtung und Beliebtheit. Denn die Darstellung des Auges, dieses ausdrucksstark, doch wortlos sprechenden Teiles eines menschlichen Gesichts, fand zu einer Zeit und in einem Land, wo die persönliche Äußerung von Gefühlen weniger als in anderen Ländern sprachlich vorgeformt und von der Konvention getragen war, leicht Gefallen als ein stilles und doch vielsagendes Geschenk. Darum wurden Augenporträts vor allem unter liebenden Paaren zu einer gern getauschten Gabe. Häufig als Medaillons gerahmt oder zu Schmuckstücken verarbeitet, dienten sie einer freundlichen Erinnerung.
Einmal erfunden breitete sich die Sitte, einander ein Augenbildnis zu schenken, schnell aus. Der Maler George Engelheart, ein Rivale Cosways, malte 1796 ein Auge der Mrs. Mitchell, im folgenden Jahr dann auch das andere. Mehrere Familien beauftragten ihn, Augenbildnisse ihrer Angehörigen zu fertigen (1798, 1800, 1804 und später), daher findet man diese anmutigen Gegenstände bis heute meist in englischem Privatbesitz. In Engelhearts Notizbuch sind erste Aufträge von 1783 und 1788 vermerkt: Es ist die Zeit vor der Französischen Revolution, als nicht nur die englische Malerei und zum Beispiel die Gartenkunst, sondern allgemein die englische Lebensart die Führung in Europa übernommen haben.
Augenbildnis Außer den beiden erwähnten Künstlern kennt man nur wenige weitere: Osias Humphrey und Anthony Stewart im frühen 19. Jahrhundert, etwas später wird noch William Ross genannt. Als eine freundliche Sitte gerät die Idee, Augen zu porträtieren und so zu verschenken, bald in Vergessenheit, immerhin finden sich einige Beispiele noch bis zum Ende des Jahrhunderts. Als Miniatur und als Schmuckstück blickt das einzelne Auge noch dem späten Betrachter entgegen, als wäre es das ganze Gesicht. Augenbildnis Selbst auf einen Achat wurde es gemalt und schaut daraus geheimnisvoll, wie aus einer Traumlandschaft sich öffnend, kaum erkennbar und im nächsten Augenblick vollkommen deutlich hervor.
Aber nicht nur in winziger Kleinheit wurden Augen wiedergegeben: Der Maler G. J. Watts malte im Auftrage einer Lady Holland das eine ihrer beiden farblich recht unterschiedlichen Augen - dasjenige, mit dem sie am schärfsten sah. Das überlebensgroße Augenbildnis diente dann, in einen Rahmen gefaßt, als Kaminaufsatz, um - in Anlehnung an Darstellungen vom Auge Gottes in Kirchenkuppeln, wie Lady Holland sie auf einer Italienreise gesehen hatte - die Atmosphäre des Raumes mit einem annähernden Effekt auszustatten.
Augenbildnis Kehren wir nun zu dem rund hundert Jahre später entstandenen Bild von Magritte zurück. Alle die vorher erwähnten Darstellungen sind Porträts des Auges einer bestimmten Person, meist gedacht als ein Bildnis, das den Dargestellten repräsentiert und den Betrachter anblicken soll. Und wie erwähnt malte auch Magritte das Bild nach dem Auge seiner Frau.
Doch was dem Betrachter auf den ersten Blick noch als eine Entsprechung zu den alten Eye Portraits erscheinen mag, zeigt sich bei näherer Analyse als ein motivisch wohl ähnliches, thematisch jedoch nicht mehr vergleichbares Bild. Eine nur geringe Verlagerung des Akzents hat eine wesenhafte Veränderung zur Folge: Nicht mehr das Bildnis ist hier der Gegenstand. Gegenstand ist vielmehr das Auge selbst geworden.
Aus einer runden, wie schwebend in einen quadratischen Dunkelraum eingelagerten flachen Scheibe blickt das Auge wie aus einem Spiegel oder wie durch ein kreisrundes Loch in einer dunklen Wand. Zwischen den am linken und oberen Rand aus dem Untergrund deutlich werdenden Rahmenflächen und dem die von ihnen ausgehende Beschwerung abfangenden, sich mondsichelförmig abzeichnenden Schattenbild gehalten, hebt sich das Auge ab - tragend, hell und in seiner Oberfläche körnig belebt. Die durch leichte Tönung hervorgerufene Wirkung des Plastischen findet sich nur im näheren Umkreis des Auges.
Scheint dieses Auge auch unter der Braue und durch die links hereingeholte Zopfsträhne noch wie von Attributen gehalten, die ihm seinen Platz im Gesicht anweisen und bestätigen, so wird doch rechts - in der Ebene der erwarteten Wölbung zur Nase hin - nichts als eine Fläche sichtbar, an der der Blick des Betrachters abgleitet und etwas befremdet zurückweicht, einen zuvor ausgemachten Halt wieder einzunehmen. Doch der Gegenstand des Auges erscheint nicht mehr als der erinnerte: Dem Gesichtsbereich enthoben und von der verdeckenden Wirkung des Gewohnten befreit, begegnet er dem Blick nun deutlicher und zugleich fremder. Erst hieran wird bemerkbar, was das lebendige Auge von dem gemalten Auge unterscheidet und was in Form "übersetzt" werden muß. Vor allem dann, wenn man es wagt, nicht ein "Eye Portrait" zu malen, das durch die Verkleinerung wie durch bestimmte individuelle Eigenarten des Dargestellten von dem Betrachter als ein Bildnis "gesehen", das heißt gleichsam ergänzt werden kann - so wie man zum Beispiel auch die Individualität einer Hand auffassen mag -, sondern wenn "das Auge", vereinzelt und groß, den Betrachter anblickt, ist die Lebendigkeit des Blickes in Gefahr, zu erstarren und zum Apotropeion zu werden.
Diese haarfeine Linie zwischen Erstarrung und Leben, zwischen Beziehung und Abweisung, zwischen Ansehen und Gesehenwerden hat Magritte zu treffen gewußt. Der Lichtstrahl geht vom Auge aus, so meinte man in alter Zeit - der Lichtstrahl fällt in das Auge hinein, so glauben wir zu wissen. Dieses Bild enthält beides: Es ist ein gemalter Blick.
Eine nähere Beschreibung des Bildes möge verdeutlichen, was die Übertragung eines derartigen, zugleich vertrauten und unfaßbaren Phänomens - eines Blickes - in die Form des Gemäldes vermag: Die Erfahrung mit Kunstwerken gibt dem Betrachter, der sich auf die Betrachtung einläßt, einen Teil seiner eigenen Lebendigkeit gesammelt und verstärkt zurück.

René Magritte (1898-1967), "L'Objet" (L'Oeil). Öl auf Holz, 25 x 25 cm. Aus der Slg. Mme Georgette Magritte, Brüssel. Copyright Mme Magritte.

Ein großes Auge, das nicht erstarrt, bewahrt in äußerster Verdichtung die Besonderheit der "Gestalt des alles Sehenden". Der Ausdruck "figura cuncta videntis" wurde von Nicolaus Cusanus (1401-1464) geprägt und stammt aus seinem Werk "De visione Dei sive de icona liber" (Erstdruck 1483). Bilder, die dem Betrachter mit den Augen folgen, gibt es häufig im Barock.
So auch "Das Auge", das den Blick aufnimmt und zurückblickt und zugleich abweist und sich verschließt. Es drückt Beziehung aus, stellt sie her; es bestimmt die Atmosphäre, die sich verdichten und aufladen kann: Liebe und Haß, Vertrauen und Argwohn - alle menschlichen Affekte und Leidenschaften sprechen gesammelt aus den Augen wie aus dem ganzen Gesicht, wie aus der Haltung des Körpers. Alle menschlichen Affekte und Leidenschaften werden dem Betrachter zurückgegeben: Er findet sie wieder in sich selbst.
Ein Auge blickt aus dem Bild, so wie man niemals ein menschliches Auge sieht. Was gewohnterweise angesehen, aber niemals fixiert wird, weil stets die Möglichkeit des Ausweichens, der wenn auch nur leisen, kaum merklichen Blickbewegung bleibt, begegnet hier, in sein Eigentliches reduziert, als eine spannungsgeladene Mitte. Was da plötzlich gegenübersteht, ist das Auge - nicht als Teil des Gesichts, nicht als Symbol des Schauens und Anblickens, sondern selber als Gesicht, als Wesen. Ein feucht glänzender Rundkörper, vereinsamt, in ein ihm Fremdes eingelagert wie in eine Ode. Verletzlich und zugleich auch voller Macht, in einen Wimpernkranz wie von Strahlen eingefaßt, zieht es den Betrachter in seinen Bann und läßt ihn dennoch keinen Halt binden. Es zwingt anzublicken und scheint selbst stets an seinem Gegenüber vorbei oder durch es hindurch zu sehen. Geöffnet verheißt es Einblick und verbirgt zugleich seine Tiefe stets unsichtbar und geheimnisvoll in sich.
Daß aber der Betrachter den Blick des Auges nicht zu treffen vermag, so wie auch ein lebendiges Auge nur selten dem eigenen Blick voll begegnet, hat seinen Grund in der künstlerischen Form des Werkes.
Die erwähnten Augenporträts sind meist oval gerahmt. Der weiche, unaufdringliche Charakter solcher Form, der von der Aufgliederung des Zentrums in zwei Brennpunkte herrührt, scheint einem Gegenstand aus dem Reich des Organischen angemessen. Magritte dagegen wählt den Kreis, die monozentrische und damit harte, bestimmende Form, als inneren und die ihr zugeordnete Winkelfigur, das Quadrat, als äußeren Rahmen. Vom Kreis wie ständig in das eine Zentrum gedrängt außerdem der Eigendynamik diagonaler Strebung des Quadratischen ausgesetzt, wird die Einsamkeit des Auges wie die eines Gefangenen sichtbar. Doch zugleich gewinnt auch seine Ausstrahlungskraft. Gefangen ist es doch auch selber mit einem kristallisiert starken Blick fangend geworden. Da aber der Mittelpunkt des Kreises wie der Quadratfiguren nicht mit dem Mittelpunkt des Auges zusammenfällt, wohl aber das Betrachten dirigiert, entzieht sich das Auge im Bild dem Zugriff des Angesehenwerdens immer wieder ins Unbestimmte. Und so läßt zwar die versteckte Dynamik des ständigen Balancierens zwischen der Pupille und dem Mittelpunkt des Kreises, der zugleich Schnittpunkt der Diagonalen ist, den Betrachter keinen Halt finden - doch auch der Blick erstarrt nicht.
Wie abgewiesen von dem unsichtbar bleibenden Doppelzentrum der Konzentration nimmt der Betrachter endlich das sichtbar erscheinende Gegenüber, die beiden Lichtspiegelpunkte im Auge, wahr. Wo die Tiefe nicht auszumachen ist, erscheint das Ferne auf einmal deutlicher und ist im Bild doch nichts als zwei Punkte größter Leere. Hier mag man sich aus der Auseinandersetzung mit dem Bild entlassen fühlen. Ein Vages, fast Endloses, scheint den Blick beiseite zu drängen. Dann aber ist es die Vagheit des eigenen Anschauens, die ebenfalls in diesem Auge widergespiegelt wird, auf die der Betrachter trifft und die ihn ein letztes Mal auf sich selbst zurückweist.


Zusammenfassung in französischer Sprache

Résumé. Le motif de l´oeil n'est pas une découverte moderne, il remonte à l´antiquité grecque. Mais ce n´est que vers la fin du XVIIIe siècle qu´un peintre anglais, Richard Cosway, eut l´idée de faire le "portrait" de l´oeil. Au XIXe siècle, très peu de peintres ont été inspirès par ce thème. Avec le peintre surréaliste belge, René Magritte (1898-1967), la peinture de l´oeil s´engage dans de nouvelles voies. Cette oeuvre "L´Oeil" date de 1932. Certes, comme ses prédécesseurs, le modèle lui a été fourni par une personne réelle, sa femme, mais Magritte le dépasse en détachant libérant l´oeil du visage: il lui donne une vie propre qui reflète les passions humaines. L´oeil devient un être étrange, mystérieux qui reste insaissisable aux regards de l´observateur. Magritte l´encadre intérieurement dans un cercle, et extérieurement dans un carré. Leur point central ne correspond pas au centre même de la pupille, par cela une certaine mobilité est conférée au regard, comme chez un être vivant, qui nous contemple.


Quelle: "Rheinische Splitter und Augenblicke" (Herausgegeben von Frau Prof. Marielene Putscher, Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln, Köln 1976)

Letzte Änderung: 15.04.07       Impressum